Beuys und der Bunker

„Zutritt untersagt“: Dokumentationsstätte stellt Warntafel mit Widmung Joseph Beuys aus

„Dies ist nicht mein Bunker!“ schreibt Joseph Beuys auf eine am Regierungsbunker aufgestellte Warntafel. (Bild zeigt Fotomontage)Als Joseph Marquet aus Dernau am 4. April 1981 früh seinen Dienst im Verwaltungsgebäude des Regierungsbunkers in Marienthal antrat, ahnte er noch nicht, dass er an diesem Tag einem der bekanntesten deutschen Künstler der Nachkriegszeit begegnen sollte – Joseph Beuys. Gedanken an Beuys – das sind die an einen schmächtigen Mann in Jeans mit weißem Hemd,  Anglerweste und Filzhut – seine Markenzeichen. Und so erschien er auch an diesem 4. April zu einer angekündigten Demonstration am Marienthaler Regierungsbunker. Am Morgen jenes 4. April 1981 ist Joseph Marquet bereits früh auf den Beinen. Er ist im Referat Sicherheit des Regierungsbunkers beschäftigt und weiß um die angekündigte Demonstration, die sich gegen den Nato-Doppelbeschluss und die atomare Aufrüstung richtet.

Joseph Beuys, der als Zeichner, Bildhauer und Aktionskünstler verehrt, aber auch oft missverstanden wurde, war an jenem Tag als politischer Aktivist unterwegs. Sein politisches Engagement beginnt 1967 mit der Gründung der  „Deutschen Studentenpartei“

1972 besetzte Beuys das Sekretariat an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo er selbst lehrte und wurde vom damaligen Minister für Wissenschaft und Forschung, Johannes Rau, fristlos entlassen. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit gegen das Land Nordrhein-Westfalen erreichte Beuys schließlich im Jahr 1980 seine Rehabilitierung: Er durfte seinen Professorentitel weiterführen, akzeptierte aber die Auflösung des Arbeitsverhältnisses.

Am 17. März 1979 ist er als Mitbegründer der Partei der Grünen dabei, für die er sich im Juni 1979 als Kandidat für die Direktwahlen zum Europaparlament aufstellen lässt.

Das typische Amtsdeutsch der 70er Jahre: „Unbefugten ist Zutritt untersagt!“ Die klare Aussage ohne rhetorischen Pathos schließt die Frage ein, wer hier wofür Zutritt hat. Beuys reduziert das Staatsgeheimnis und sein Verhältnis dazu auf: „Dies ist nicht mein Bunker - Joseph Beuys“. Der Dienststellenleiter nimmt den schriftlichen Kleinkrieg auf der Warntafel auf und ergänzt: „Stimmt! E. Walker“. Doch während der Beuys-Schriftzug quer und kräftig übers Schild aufgetragen wurde, versteckt sich Walker unten rechts in der Ecke. 1981 entstehen in der Auseinandersetzung mit dem Regierungsbunker 70 Offsetlithographien, alle gleich aussehend und handschriftlich signiert, zeigen sie das Ahrgebirge, das in seinem Inneren den Regierungsbunker verbirgt. Alle Exemplare sind mit einem roten Stempelsatz versehen: „JOSEPH BEUYS: Bonzenbunker“. Farbe und Typografie dieses Stempels erinnern stark an die offiziellen Verschlussgrade des Bundes, mit denen man Akten ihrer Geheimhaltung zuführt.

Die Zeichnungen unterscheiden sich lediglich in den individuellen Bleistiftbildaufschriften von Joseph Beuys, wie z.B. „Habt ihr davon schon einmal etwas gehört? Wollt ihr was hören?“ oder „Weitere Informationen gibt FIU (hier handelt es sich um die Free International University oder „Freie Internationale Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“, die 1973 von Joseph Beuys und anderen Künstlern gegründet wurde) wegen Schlupfwinkel für Bonner Politiker“ oder „Hier wollte H. Schmidt rein“.

Marquet: Sicherheit des Bunkers steht im Vordergund

Von all diesen Dingen weiß Joseph Marquet nichts. Seine Welt ist der Bunker und dessen Sicherheit. Er fliegt bei jeder Hubschrauberspritzung der Weinberge in Dernau mit, um sicherzustellen, dass keine unerlaubten Luftaufnahmen vom Bunkergebiet gemacht werden.

Joseph Marquet will seinen  Bunker schützen, notfalls auch Auge in Auge. So diskutiert er auch am Morgen des 4. April 1981 mit Joseph Beuys und den anderen Demonstranten, aber er merkt schnell, zu unterschiedlich sind die Ansichten. Als Beuys dann auf ein am Zaun angebrachtes Metallschild den Satz: „Dies ist nicht mein Bunker“ notiert, schreibt der Leiter der Dienststelle Marienthal, Ernst Walker, daneben: „Stimmt!“. Und unterschreibt mit seinem Namen. Der Regierungsbunker war eben für die Unterbringung der Regierungsmitglieder gedacht und nicht für den „Normalbürger“.

Marietta Marquet (Mitte) mit Heike Hollunder und Wilbert Herschbach. Das Schild der Dienststelle kehrt aus dem Privatbesitz der Familie Marquet mit Beuys Anmerkungen und dem weiß-grünen Handtuch, in das es jahrelang zum Schutz eingewickelt war, zurück in den Bunker.Marquet schraubt das Schild kurzerhand ab und nimmt es mit in sein Büro, wo Walker ihm erlaubt, es mit nach Hause zu nehmen. Dort hängt es zunächst im Partykeller und wird dann später in einer Metallkiste verwahrt. 1986, fünf Jahre später, stirbt Joseph Marquet plötzlich an einem Herzinfarkt mit nur 58 Jahren. Joseph Beuys hat ihn nur wenige Monate überlebt. Beide teilen nicht nur den Vornamen, sondern auch das Todesjahr.

24 weitere Jahre später treffe ich die Tochter von Joseph Marquet, Marietta Marquet. Wir kommen ins Gespräch, und zufällig wird auch das Schild erwähnt. Marietta Marquet ist emotional sehr bewegt, als sie einige Tage später das Schild ins Museum trägt.

„Hier schließt sich ein Kreis“, sagt sie. „Es sollte so sein. Das Schild gehört hier hin und mein Vater wäre glücklich, wenn er wüsste, dass es heute hier in einer Vitrine liegt und seine Geschichte erzählt“.

Autorin Heike Hollunder ist Leiterin der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, Bad Neuenahr-Ahrweiler. 

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20.05.2010